Seit dem 5. Mai 1998 hat Clara Hiestand 282 Mal über das Geschehen im Aargauer Grossen Rat online berichtet. Dies regelmässig mit nur drei Ausnahmen, wenn im September Kollege Röbi Hunziker in die Tasten griff, weil Clara am Pizzomunno herumlag und in Apulien letzte Sonnenstrahlen des Jahres einfing. Clara zog in diesen elf Jahren neben Röbi Hunziker, der ein virtueller Cousin der Kusine war und aus der gleichen Taste (Rippe?) stammte wie Clara, auch die furchtbar propere Reinigungsfee Rosa Rein bei. Dies immer dann, wenn es aufzuwischen galt, so im Spätherbst 1998 nach den verlorenen Regierungsratswahlen. Alle drei Kunstfiguren gehen jetzt in die ewigen Jagdgründe des World Wide Net spazieren. Auf Nimmerwiedersehen.
Mit dem World Wide Net www, das vom englischen Physiker und heutigen MIT-Professor Timothy Berners-Lee in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, ist es möglich, Botschaften an viele EmpfängerInnen zu senden und diese so zu vernetzen. Darum heisst das Ding auch Net: Berners-Lee arbeitete nämlich in den neunziger Jahren am CERN in Genf und wollte mit Forscherkollegen in Frankreich in Verbindung treten und die jeweiligen Forschungsergebnisse verbinden beziehungsweise vernetzen. Wie sollten komplexe Dokumente umgehend von a nach b geschickt werden in einer Form, in der sie nicht durch Fax-Verwischungen verundeutlicht würden? So entstand das Netz. Dass wir es heute gratis benutzen können, verdanken wir auch diesem klugen Briten: Er stellte nämlich sicher, dass das Format zwar von klugen Köpfen weiterentwickelt wird, dass diese aber, wenn schon, von Sponsoren bezahlt werden (was auch für das Betriebssystem Linux von Linus Torvalds gilt). Die BenutzerInnen worldwide nutzen ohne Gebühren. So funktionieren auch Browser wie der Feuerfuchs (Firefox), den Clara nutzt: Der wird gesponsert, unter anderem von vermögenden Mäzenen wie George Soros. Was das mit Clara Hiestand zu tun hat? Folgendes:
In den neunziger Jahren entdeckte die SP, dass man sich mit www vernetzen kann, und arbeitete an einer Homepage. Auch die SP Aargau. Da lag es nahe, angesichts der monographen und monolithischen Aargauer Presse mit ihrem naturgemäss beschränkten Platz, der eher selten mit SP-Voten gefüllt wurde, einen Bericht aus SP-Perspektive zur Verfügung zu stellen. Darin sollten alle Voten aus SP-Federn und –Tasten zu lesen sein, dazu auch Hintergrundberichte. Am liebsten wäre es Parteisekretär Oliver Martin gewesen, Clara hätte auch über die verschiedenen Diskussionen und Knatsche in den Fraktionssitzungen geschrieben. Aber das wäre in jeder Beziehung zu weit gegangen, und zu lange. Auch so hockte und hockt Clara manchmal nächtelang am Tipper und macht und macht, bis der Bericht im Netz steht. Um die sechs bis siebeneinhalb Stunden nach Grossratsende waren das immer an Ganztagssitzungen. Bezahlt nach comedia-Tarif, aber trotzdem happig.
Wer hatte in den neunziger Jahren schon einen web- und Mail-tauglichen Computer? Clara nicht sofort. Sie schrieb ihre ersten Berichte auf Diskette, warf die im Morgengrauen des Mittwochs nach dem Grossratstag in den SP-Briefkasten an der Bachstrasse, und Oliver Martin schaltete auf. Später dann mailte Clara ihren Text dem damaligen Genossen Viktor John, und der schaltete auf, später erledigte das Parteisekretär Marco Giuliani. Erst seit rund sieben Jahren hat Clara direkten Zugang zur Website der SP Aargau und platziert selber.
Clara. Wer dahinter steht (und hinter Röbi Hunziker und Rosa Rein), ist bekannt. Der Name wurde aber nie von allen begriffen, weshalb Clara ihn noch einmal erklärt: Der Vorname stammt von Clara Zetkin, der feministischen Sozialistin und Weimarer Abgeordneten, auf die der 8. März als worldwide Frauentag zurückgeht. Und Hiestand kommt nicht vom Gipfelibeck (wer isst schon so Fettes, Mehliges?), sondern von der Tatsache, dass Clara hie stand. Augenzeugin eben.
Und diese Clara beziehungsweise ihre reale Bezugsperson verlässt jetzt den Grossen Rat, freiwillig und gerne. Das heisst auch, dass sie nicht mehr hie steht. Keine überlangen PC-Sitzungen nach Feierabend, keine Internetfehden mehr, keine erbosten Mails aus der SVP-Fraktion oder der FDP am Mittwoch morgen, man möge schleunigst dies und das vom Netz nehmen (wurde nur gemacht, wenn ausnahmsweise unrichtig berichterstattet). Keine juristischen Erkundigungen mehr von Clara, die natürlich in dieser Hinsicht stets vorsichtig und nie erfassbar blieb.
Und keine Sudelbücher mehr. Der Begriff stammt vom begabten und bissigen (und leider auch sehr antisemitischen) Schriftsteller und Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg, der lebenslang unter seiner verkrümmten Wirbelsäule litt, jedoch reiste und am englischen Hof und an der Universität Göttingen, wo er lehrte, viele Beobachtungen machte, die er nachts in die von ihm „Sudelbücher“ genannten Hefte schrieb, auch zu seiner Erleichterung in der Reflexion. Eine dieser Beobachtungen, wohl die bekannteste, ist die: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstossen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ Die vergleichsweise geringen Verlautbarungen von Clara hatten neben dem Dokumentarischen für sie den gleichen Effekt: sich zu erinnern, bösartige Erkenntnisse zu notieren und so das Ganze zu ertragen. So ist es halt in der Politik: Man macht sie, doch manchmal macht sie einen, und das ist nicht immer angenehm.
Nun ist Schluss. Und gerne fügt Clara noch ein vorletztes Zitat an aus Heines „Gedanken und Einfällen“, den nachgelassenen Boshaftigkeiten, die nicht in jeder Gesamtausgabe Aufnahme gefunden haben: „Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt. – Ja, man muss seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden.“ Das hat der menschlichste aller Ironiker Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben, und dazu muss man auch wissen, dass niemand in Deutschland diesen konvertierten Juden je anstellte, weder als Juristen in Staatsdiensten noch als Professor. In einem Brief an Varnhagen von Ense, den Gatten der Rahel Varnhagen, schrieb Heine einmal: „Als mich die Pfaffen in München zuerst angriffen, und mir den Juden aufs Tapet brachten, lachte ich – ich hielts für bloße Dummheit. Als ich aber System roch, als ich sah, wie das lächerliche Spukbild almählig ein bedrohliches Vampier wurde, als ich die Absicht der Platenschen Satyre durchschaute, […] da gürtete ich meine Lende, und schlug so scharf als möglich, so schnell als möglich.“ In Versen, versteht sich. Und zum letzten Abschied noch dieses schöne Gedicht aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“:
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.
Das war’s von Clara. Sie geht jetzt voll und ganz. Adieu!
Clara geht
31.03.09 17:53







